Der DFB hat sich Jürgen Klopp ausgeliefert
Mit der frühen öffentlichen Festlegung, der Reise der Verbandsspitze nach New York und wachsendem Zeitdruck hat der DFB seine eigene Verhandlungsmacht weitgehend preisgegeben.
Der Deutsche Fußball-Bund wollte nach dem Rücktritt von Julian Nagelsmann offenbar schnell Handlungsfähigkeit demonstrieren. Verhandlungstaktisch hat der Verband jedoch das Gegenteil erreicht: Er hat seine Abhängigkeit von Jürgen Klopp öffentlich gemacht.
Bereits am 3. Juli erklärte der DFB offiziell, die Verbandsspitze werde das Gespräch mit Klopp suchen. Gleichzeitig teilte der Verband mit, Klopp habe seine grundsätzliche Bereitschaft zur Übernahme des Bundestrainerpostens signalisiert. Wenige Tage später bezeichnete DFB-Vizepräsident Hans-Joachim Watzke Klopp öffentlich als „Masterplan A“.
„Der DFB hat aus einem Kandidaten einen Monopolisten gemacht.“
Dr. Raphael Schoen, VerhandlungswissenschaftlerDie erste Konzession fiel vor Beginn der Verhandlung
In Verhandlungen entsteht Macht vor allem durch Alternativen. Wer glaubwürdig auf mehrere Kandidaten zurückgreifen kann, ist weniger abhängig und kann Bedingungen konsequenter vertreten. Wer dagegen öffentlich erklärt, nur eine bestimmte Person zu wollen, entwertet seine eigenen Alternativen.
Spätestens mit der Bezeichnung „Masterplan A“ war klar: Andere Kandidaten wären keine gleichwertigen Optionen mehr, sondern Ersatzlösungen für den Fall, dass die Verhandlungen mit Klopp scheitern.
Damit verschiebt sich der Charakter der Gespräche. Es wird nicht mehr offen darüber verhandelt, ob Klopp Bundestrainer wird. Im Zentrum steht zunehmend die Frage, welches Gesamtpaket der DFB anbieten muss, damit Klopp tatsächlich unterschreibt.
Die Reise nach New York sendet ein Machtsignal
Am 10. Juli trafen DFB-Präsident Bernd Neuendorf und Hans-Joachim Watzke Klopp und dessen Berater Marc Kosicke in einem Hotel am New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen. Das Gespräch soll mehr als vier Stunden gedauert haben.
Die Reise ist organisatorisch nachvollziehbar, weil sich Klopp aufgrund seiner Tätigkeit als TV-Experte in den USA aufhält. Verhandlungstaktisch bleibt das Signal dennoch eindeutig: Nicht Klopp reist zum DFB. Die Führungsspitze des Verbandes reist geschlossen zu Klopp.
„Wer zum anderen fliegt, zeigt, wer den Abschluss dringender benötigt.“
Dr. Raphael SchoenIn Verbindung mit der vorherigen öffentlichen Festlegung entsteht der Eindruck, dass der DFB liefern muss und Klopp warten kann. Aus einem Personalgespräch wird öffentlich ein Gipfeltreffen.
Klopp kann das Gesamtpaket weitgehend bestimmen
Klopp kann nicht buchstäblich jede beliebige Forderung durchsetzen. Auch der DFB besitzt finanzielle, organisatorische und reputative Grenzen. Dennoch dürfte Klopp in der Lage sein, wesentliche Teile des Gesamtpakets zu prägen.
- Gehalt, Boni und Vertragslaufzeit
- Besetzung des Trainer- und Beraterstabes
- Einfluss auf sportliche und organisatorische Strukturen
- Zuständigkeiten gegenüber Rudi Völler und weiteren Funktionären
- Umgang mit bestehenden Sponsorenverträgen
- Persönliche Freiheiten, Präsenzpflichten und Ausstiegsklauseln
Klopp steht zudem bis 2029 bei Red Bull als Head of Global Soccer unter Vertrag. Diese Position bildet eine belastbare Alternative zu einem Abschluss mit dem DFB.
„Klopp verhandelt nicht nur über einen Arbeitsplatz“, sagt Schoen. „Er verhandelt darüber, unter welchen Bedingungen er bereit ist, ein angeschlagenes System zu übernehmen und dafür öffentlich die Verantwortung zu tragen.“
Der Patriotismusabschlag ist ein schwacher Anker
Watzke erklärte öffentlich, er erwarte von Klopp einen „leichten Patriotismusabschlag“. Verhandlungstaktisch ist dies der Versuch, Klopps finanzielle Erwartungen frühzeitig nach unten zu ankern.
Ein Anker wirkt jedoch nur dann stark, wenn die andere Seite mit glaubwürdigen Konsequenzen reagieren kann. Genau daran fehlt es dem DFB.
Klopp muss den geforderten Abschlag nicht einmal offensiv zurückweisen. Er kann die Forderung zunächst aussitzen und anschließend über das Gesamtpaket gegenankern. Ein moderateres Grundgehalt könnte mit längerer Vertragsdauer, hohen Erfolgsboni, größeren Kompetenzen, Personalentscheidungen oder weitreichenden Ausstiegsmöglichkeiten kompensiert werden.
„Wer einen Rabatt verlangt, muss auch glaubwürdig Nein sagen können.“
Dr. Raphael SchoenMit jedem weiteren Tag wird Zeit zum Machtfaktor
Medien, Fans, Sponsoren und Funktionäre erwarten nach den deutlichen Aussagen der Verbandsspitze nun ein Ergebnis. Scheitert die Verpflichtung, müsste der DFB erklären, warum sein öffentlich ausgerufener „Masterplan A“ nicht umgesetzt werden konnte.
Jeder anschließend präsentierte Kandidat würde zwangsläufig als zweite Wahl wahrgenommen. Damit wird Zeit zu einem zusätzlichen Machtfaktor: Klopp kann warten. Der DFB muss zunehmend liefern.
Red Bull könnte Klopps Macht weiter erhöhen
Aus rein verhandlungstaktischer Sicht besitzt Klopp noch einen weiteren Hebel: seine bestehende Tätigkeit bei Red Bull.
Bereits ein glaubwürdiges Signal, dass er sich eine langfristige Fortsetzung oder Erweiterung seiner dortigen Rolle vorstellen könne, würde seine Alternative zum DFB-Abschluss sichtbar aufwerten. Öffentliche Spekulationen über zusätzliche Projekte oder eine längerfristige Bindung könnten genügen.
Der DFB müsste dann befürchten, dass sich das Zeitfenster für eine Verpflichtung wieder schließt.
„Eine starke Alternative muss nicht zwingend gewählt werden“, erklärt Schoen. „Sie muss von der Gegenseite lediglich als realistisch wahrgenommen werden.“
Voraussetzung ist, dass eine solche Perspektive tatsächlich plausibel ist. Eine bewusst erfundene Vertragsverlängerung wäre reputationsgefährdend und unnötig. Klopps bestehender Vertrag bis 2029 reicht bereits aus, um die Alternative glaubwürdig erscheinen zu lassen.
Der DFB kann die Machtverschiebung nur noch begrenzen
Der DFB könnte die Lage stabilisieren, indem er öffentliche Kommentare stoppt, alternative Szenarien intern konkretisiert und sein Angebot konsequent an Bedingungen knüpft. Er müsste zeigen, dass er Klopp zwar will, aber nicht zu jedem Preis und nicht unter jeder organisatorischen Bedingung.
„Der DFB verhandelt vor allem darüber, was er bezahlen und welche Kompetenzen er abgeben muss.“
Dr. Raphael SchoenQuellen zur aktuellen Faktenlage
DFB: Julian Nagelsmann verlässt den DFB
ZDF: Watzke erwartet „Patriotismusabschlag“
ZDF: Die Knackpunkte im Bundestrainer-Poker